« Accipere | HomePage | Von Schrullen und lieben Gewohnheiten »

04.02.2007

Empirie

ende juni 2004, mein 30-er geburtstag. eigentlich ein tag, wie jeder andere, gottlob ohne familiäre belästigung. meine eltern sind irgendwo im ausland, der rest der blutverwandschaft hat sich auf kitschige wunschkarten beschränkt, aus denen ich bloß die geldscheine rausfische, um den rest gleich auch ungelesen im altpapier verschwinden zu lassen. was diese dinge angeht, bin ich gänzlich unsentimental. überflüßiges floskelporno.

18:27h klingelt es an der türe, eine handvoll menschen, meine besten freunde, die einzigen, die ich an diesem tag sehen möchte. mein bester freund und cousin m., unser frauenheld o. mit seiner neuen flamme namens j. (recht klein, hübsch, auffällig tätowiert, verdrehter psycho-blick), der m.² mit seiner a. und der kleine r., zu meiner freude ohne s., die immer nur darauf bedacht ist, uns den spaß zu verderben, wenn wir mal wieder heftigst abdrehen und sie uns nur mit "erwachsenen weisheiten über vernunft" versucht zu bremsen, ausgerechnet sie, die jüngste von uns allen...

ich lasse die bagage garnicht erst ins haus, ich habe nichts vorbereitet und zudem keine lust auf spätere aufräum-orgien. so haben wir uns geeinigt, nicht bei mir zu feiern, steuern also gleich das benachbarte restaurant an, wo ich einen großen (unseren) tisch reserviert habe. alles geht auf mich.

als erstes muß ich natürlich ein gebrülltes "happy birthday" ertragen, in einer lautstärke, daß sogar der letzte parasit hiterm klo es mitbekommt, daß ich geburtstag habe. ich mag sowas nicht, ich mag nicht im mittelpunkt stehen, sowas überlasse ich lieber menschen, die gerne ihr eigenes ego bis zum höhepunkt streicheln, außerdem sind mir meine geburtstage eh mehr oder weniger völlig egal - ich wurde halt geboren, na und?

anfänglich gestaltet sich alles sehr zivilisiert, das ist bei uns normal, ist auch nicht so, daß wir ungebildete und primitive affen wären, nein, wir sind schwarz/weiß, auf der einen seite mit viel beruflicher verantwortung belastet, auf der anderen seite nicht wirklich erwachsen. es werden biere getrunken, die großen, wir speisen, als m.² plötzlich würgen muß und hektisch auf der toilette verschwindet. seine a. stürmt panisch hinterher. nur wenige augenblicke später präsentiert uns m.² eine reisszwecke, die er im salat hatte und welche er verschluckte. die reaktion der wirtin ist allerdings vollkommen ignorant, "ja, der enkel hätte wohl in der küche gespielt, ist doch nichts passiert", vermeldet sie mit dem gesichtsausdruck eines profikillers beim zielen. immerhin gibt es eine runde ouzo gratis...

nach dem essen packe ich meine geschenke aus, welche durchgehend flaschenformat darstellen. ein whisky-sortiment: bushmills, tullamore, glenfiddich, kilbeggan, laphroaig, oban. alles was das herz eines ambitionierten freizeittrinkers begehrt. vorsichtshalber lasse ich die schätzchen gleich im restaurant, im vorratsraum einschließen, bevor wir später auf dumme gedanken kommen sollten. ich kenne unsere eskapaden zu gut...

gegen 22:00h verabschieden sich m.² und a., sie ist journalistin und muß noch einen artikel zu ende schreiben, m.² möchte ausgeliehene horrorfilme anschauen, die er am kommenden tag abgeben muß. zurück bleibt der harte kern, wobei ich die j. ebenfalls dazu zählen würde, weil diese frau irgendwie eine heftige meise zu haben scheint. sie redet wirr und trinkt mindestens in unserem tempo und das will was heißen, da ich bereits den dritten beidseitig bekrizelten bierdeckel kurz überschlage - knapp 300 euro. gut, diesmal konnte ich mich nicht drücken, doch wenn man bedenkt, daß ein halber liter bier nur 2,50 kostet...

die gespräche werden mit der zeit abstrakt bis absurd, ein gemisch aus bier, jägermeister, ouzo, tequilla und vodka läßt unsere gehirne in einer suppe des irsinns baden. wir erfinden spontan neue tierarten (doppelköpfiges geländeschwein, bärameise, nuklearhörnchen), retten das universum mittels knoblauch, sprechen spontan englisch (a toothpick, a toothpick, my kingdom for a toothpick!), erfinden dichte gedichte. jeder wirt dieses planeten macht drei kreuze, wenn er uns in diesem zustand der losgelösten verrücktheit möglichst schnell los wird. irgendwie verständlich...

so ist es auch 00:30h, als wir den laden als letzte gäste verlassen. o. und r. sind nicht unglücklich darüber, sie wollen kiffen, m. und ich finden die frische luft allerdings auch nicht schlecht. es ist sommer, es ist warm und über uns ist ein sternklarer himmel aufgespannt, wunderbar. sie sind mit dem band-wohnmobil angereist, in dem sich noch eine kiste bier und eine flasche jameson befinden, an denen sich m. und ich gleich zu schaffen machen, während o., r. und j. eine dicke tüte qualmen. plötzlich wird o. euphorisch, endlich ist eine cd erschienen, auf der er schlagzeug spielt und ich einige stücke eingesungen (gebrüllt) habe, muß sie gleich auf voller lautstärke dem ganzen dorf vorspielen.
auf meine frage hin, ob ich das exemplar behalten kann, werde ich allerdings gleich abgewiesen - "es sei die einzige, die er hätte". toll, selbst an meinem geburtstag bekomme ich nicht die cd geschenkt, an der ich selbst mitgearbeitet habe...

die produktion ist verdammt rauh ausgefallen, erinnert mich beinahe an einen klassiker namens "reign in blood". was hat mich da nur geritten? üblicherweise versuche ich nämlich eher wirklich zu singen, mit betonung auf versuchen. egal. plötzlich passiert unerwartetes, während o. am gebüsch steht und pinkelt, nimmt seine j. einen wahnsinnigen anlauf und stößt ihn mit ganzer körperkraft ins grüne. wir staunen, wissen nicht genau, ob wir lachen oder angst bekommen sollen. doch noch während ich überlege, was mit der frau schief gelaufen wäre, werde ich selbst geschubst und lande recht unsanft zwischen hecke und wohnmobil, wobei ich im hintergrund einen brachialen lachanfall von m. vernehme. ich bin betrunken und verwirrt, knüppelharte musik beschallt die umgebung, ich höre lautes lachen, in den anliegenden häusern gehen lichter an, jemand klettert auf das wohnmobil. es ist die j., die auch kurzerhand runterspringt, auf o. drauf. jackass live im rheinland. um einen überblick zu bekommen, mache ich es ihr nach und stürze mich von oben auf m., verfehle ihn allerdings leider. am ende bleiben vier demolierte personen auf dem parkplatzboden lachend liegen, während r. sich im wagen verkrochen hat und so tut, als ob er cds sortieren würde. die pfeife. es ist cirka 02:30h, als j., o. und r. sich im wohnmobil einschließen, m. sich auf den weg zu seinen eltern ein paar straßen weiter macht und ich ins bett krieche, kiechernd.

ich erwache gegen 13:00h. es geht mir nicht sonderlich. alles schmerzt, allem vorran mein ellenbogen, in dem etwas locker ist. ich kann es mit dem finger spüren, daß dort ein stück knochen abgesplittert sein muß. mein schädel ist extraterrestrisch brummend, mein magen signalisiert sodbrennen und apetitlosigkeit, meine unterarme und hände sind blutig zerkratzt, in meinem hals steckt noch ein dorn aus der hecke. unrasiert und ungewaschen ziehe ich mir ein frisches t-shirt an, eine zerissene jeans und ein paar lakais, setze meine geliebte vogue-sonnenbrille auf und begebe mich nach draußen. das wohnmobil ist bereits weg, ich schlendere durch die hitze des sonnigen tages, gehe zum haus von m.s eltern, wo er mit ausgestreckten beinen und ebenfalls sonnenbebrillt auf einer holzbank abhängt.

ich setze mich neben ihn, wir schweigen. nach einer weile sagt er "mein ellenbogen ist im arsch", was ich nur mit "meiner auch" beantworten kann. wir lachen leise. irgendwann schleppt er sich in den keller und bringt zwei flaschen bier hoch, wir trinken je einen ordentlichen schluck und schlafen schließlich beide in der prallen sonne ein.

und das war der tag, an dem ich erwachsen, vernünftig und weise wurde...

21:58 Veröffentlicht in Debil , Kopflastig , Vergangenes | Permalink | Kommentarstatus (11) | Per Email verschicken

Kommentarstatus

Ich lege mir schon mal Boxhandschuhe zu. Dann können wir uns ordentlich kloppen beim nächsten Geburtstag. ;-))

Veröffentlicht von: dieJulia | 04.02.2007

naa, baby, verkloppen sie mich ruhig, doch in ihrem falle werde ich mich eher kaum wehren können. rein aus moralischen gründen...

;-)

Veröffentlicht von: Ad | 05.02.2007

Na was?! Also wenn schon, denn schon! ;-)

(erst kommt das Fressen. Dann die Moral.)

Veröffentlicht von: dieJulia | 05.02.2007

am wochenende der lesung gibt es bei mir nur wasser oder heisse milch mit honig. besser is dat ...

Veröffentlicht von: Phil | 05.02.2007

gibt es auch kakao?

Veröffentlicht von: Ad | 05.02.2007

iiiiieh, Baby, Kakao!?

Veröffentlicht von: dieJulia | 05.02.2007

keine sorge, ich wollte nur das widerlichste kindergetränk erwähnen, daß mir einfiel. sollte ich mal dabei beobachtet werden, wie ich kakao trinke, dann ist das in einer anstalt und ich bin längst unzurechnungsfähig...

Veröffentlicht von: Ad | 05.02.2007

Wie "erwachsen, vernünftig und weise"?!? Kann man das noch verhindern oder wenigstens rückgängig machen?

Veröffentlicht von: SirParker | 05.02.2007

äh... sir? haben sie das irgendwie nicht verstanden? ;-)

Veröffentlicht von: Ad | 05.02.2007

Kakao? Nur heißen, leicht abgekühlten aus fetthaltiger Vollmilch. Mit so 'ner dicken Haut obendrauf. *würg*

Für mich bleiben dann ja nur die Whiskey-Mitbringsel, *lecker* ...

Veröffentlicht von: Phil | 05.02.2007

oh ja, so ein zombie-milchpelz. wuah, ich glaube mir kommt gerade meine leckere pizza wieder hoch...

Veröffentlicht von: Ad | 05.02.2007

Senden Sie einen Kommentar