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26.11.2006

Schluckakt

heute, 12:00h. ich stehe ratlos vor meinen schränken und weiß nicht, was ich anziehen soll. in diesen belangen verhalte ich mich manchmal wie ein luxusschlämpchen. ich bin zum essen eingeladen, meine eltern werden ebenfalls anwesend sein. gastgeber ist der ehemalige geschäftspartner meiner mutter. gentleman und schwul. jeans und t-shirt sind tabu, skaterschuhe ebenfalls. so ein mist! dabei lebt es sich in meinem gehirn augenblicklich recht angenehm in einem unseriösen burschenmodus, armani & co. können mir momentan den buckel runter rutschen, ich erlebe eine anarchie meines daseins, so vieles ist jetzt wichtiger als designerkleidung, das hohle innere meiner selbst hat sich in einen wärmenden kern verwandelt...

ich entscheide mich für einen helgrauen hugo anzug, ein weißes prada hemd, keine krawatte, die schwarzen budapester von
l. reiter, eine zenith am handgelenk. würde man meine begeisterung angesichts dieser veranstaltung nach der celsius-skala bemessen, würde die welt und alles leben augenblicklich erfrieren...

12:45h, ich verlasse das haus, muß noch den bruder des gastgebers mitnehmen, der hier nur wenige straßen entfernt wohnt und keinen führerschein besitzt. auch das noch...

doch nach nur wenigen minuten fahrt, entpuppt sich b. als ein sehr netter zeitgenosse. ich kenne ihn seit jahren bloß vom sehen her, gesprochen habe ich ihn nie. er sieht fertig aus, berichtet von vergangener nacht, die wohl etwas länger wurde und davon, daß er nun beinahe diese einladung verpennt hätte, fragt vorsichtig und schüchtern ob man im auto rauchen könnte, was ich nur mit "bei mir grundsätzlich, außerdem ist das eh nur ein mietwagen..." entgegnen kann, zünde mir selbst eine an und drücke auf den turbolader. die autobahn fliegt an uns vorrüber.

13:50h, ankunft in dem hässlichsten städchen, welches ich je im leben besichtigen durfte. man darf allerdings gespannt sein. der gastgeber ist metzger und meisterkoch, gentleman und schwul, mit viel sinn für schöngeistige ästhetik und feines dinnieren.
so sieht der empfang auch aus. meine eltern sind da und noch vier weitere personen, inklusive der ex-frau des schwulen gastgebers. es wird edelster champagner gereicht, das neue eigentummspenthouse gezeigt. er sieht wie immer großartig aus, trotz seinem alter von 62 jahren, als ich seine schrille ex nur zehn minuten erlebe, kann ich beinahe verstehen, warum er schwul wurde. sagen wir es so, ich fände eine rostige axt in ihrem kopf hübsch...

übers essen werde ich mich nicht auslassen, ich habe viel besseres erwartet, bin sogar der ansicht, es selbst besser zu können. karottensuppe mit gekauften fleischbällchen, beim hauptgang harte kartoffeln und bittere angebrannte rosenköhlchen, zum dessert sodbrennen verursachendes zitroneneis. dazu für mich als fahrer pisswarmes mineralwasser. kurz überlege ich alle umzubringen, außer meinen eltern und dem netten b., bloß um schnell abhauen zu können, doch ich verwerfe den gedanken wieder, weil ich andere ziele habe, als lebenslänglich angst vor dem aufheben der seife zu haben...

es mag aber auch an mir selbst liegen, denn meine gedanken sind gänzlich woanders. wenn ich jetzt kurz nachdenke, so fällt mir vom tischgerede kaum was ein. es war ein riesiger luftballon aus blabla, welcher spurlos meine ohren verfehlte. indifferentismus auf hochglanz poliert. gleichgültichkeit der extraklasse. alles was mich bloß interessierte, war eine sms, die ich erwartete.

die habe ich erhalten, während meiner vielen zigarettenausflüge auf die riesige terrasse. ich wurde ruhiger. und entfernte mich mental noch mehr. blabla, blabla. worte und sätze die bereits hundertfach gesprochen wurden, keine neuigkeit, die neu wäre, dümmliche wohwollende äußerungen, blabla. fünf stunden geistige folterung inklusive sodbrennen und pisse zum trinken.


die rückfahrt bei ca. 190 km/h gestaltet sich angenehmer, b. berichtet mir davon, wie er solche empfänge hasst, ich gebe ihm recht, wir rauchen zigaretten und wundern uns über den vielen verkehr an einem sonntag. ich mag diesen kerl.

und ich bin sicher, bei nächster einladung werde ich eine tödliche krankheit vortäuschen und er wird meinen pfleger spielen...
...oder umgekehrt.

Kommentarstatus

B hat sich in Ihrem Auto ( oder Mietwagen is auch egal ) entpumpt? Hehe wo sind sie nur mit ihren Gedanken? Und rostig gefällt mir die Axt sowieso mehr als verchromt. Bei fünft Stunden blabla hätte ich aber auch zur verchromten gegriffen. Tortour de luxe

Veröffentlicht von: joppi | 27.11.2006

entpumpt? hä? sein bruder ist schwul und nicht B.! wo sind sie nur mit ihren gedanken? ;-)

und ja, rostig ist manchmal mehr auf den punkt, als poliert...

Veröffentlicht von: Ad | 27.11.2006

Bei chinesischem Essen hätte man mittels der Stäbchen sehr gut Augapfelentfernungen durchführen können...

Veröffentlicht von: pathologe | 27.11.2006

ich zitiere: "doch nach nur wenigen minuten fahrt, entpumpt sich b. " Bleibt da meinen Gedanken nur ein Hauch von Interpretationsspielraum?

Veröffentlicht von: joppi | 27.11.2006

@ Pathologe: das ist aber nicht sooo effektvoll. Sicher ja, sehr filigran aber so eine Fontäne quer über das ganze Bankett greift stilisitsch doch mehr ins Volle.

Veröffentlicht von: joppi | 27.11.2006

joppi: hat gedauert, bis ich es verstand... ;-)

Veröffentlicht von: Ad | 27.11.2006

und dann auch noch unterm Titel "Schluckakt" unfreiwillige Komik ist doch die beste..

Veröffentlicht von: joppi | 27.11.2006

man! jetzt werden sie mal nicht kleinlich! sie wissen doch was los ist... :-)

Veröffentlicht von: Ad | 27.11.2006

nein, was denn?
:-p

Veröffentlicht von: joppi | 27.11.2006

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