« Teigstück | HomePage | Holz 1.0 (II) »

25.10.2006

The Loneliness of the Long Distance Runner

gestern, 06:30h. ich starre im badezimmer in den spiegel, warte bis die gesichtscreme einzieht. m. betritt verschlafen den raum, gähnt elefantenartig durch die gegend. sie begibt sich in die duschkabine, unsere unterhaltung ist spärlich, der abend davor wurde lang, wir haben bloß cirka vier stunden geschlafen, klären bloß die wichtigsten vorgaben für den tag ab, sie bekommt den wagen, da ich ihn nicht brauche, ich wiederrum habe meine eigene jammerei der letzten wochen satt, beschließe den tag dem sport zu widmen. typisch ich, von nullum auf vollgas...

nach einem müsliriegel und einem glas gemüsesaft betrete ich den dachboden, den ich spartanisch in ein fitness studio umgebaut habe und beschäftige mich mit beinstrecken und nackenbrücken. die hanteln beschäftigen mich bloß zehn minuten, da sie mich langweilen, anschleßend verprügele ich noch den boxsack weitere zehn minuten.

als ich runterkomme ist m. bereits fertig, wir verlassen gemeinsam das haus, sie zum wagen, ich richtung wald. mein lauf ist sehr unregulär die ersten meter, ich finde nicht wirklich einen rhytmus, bin völlig unsicher welche strecke ich nehmen soll, die krachende musik aus dem ipod irritiert mich zusätzlich.

ich schalte ihn ab, nehme den linken weg, weil dieser die möglichkeit bietet nach jeweils cirka drei kilometern schön durch die felder kehrt machen zu können - ich hasse es, den selben weg wieder zurückzulaufen. nach ungefähr einem kilometer habe ich meinen rhytmus gefunden, mein puls liegt bei 95, mein körper befindet sich in dem rausch, den ich mir erhofft habe, ich bin ein mit zahnrädern betriebenes uhrwerk, mein atem produziert eine unendlich abgestimmte reihenfolge von leisen geräuschen einer windmühle, ich bin ein fisch im wasser.

die erste möglichkeit umzukehren nehme ich überhaupt nicht wahr, meine gedanken kreisen um tausend dinge. was bringt die zukunft in diesem land, welches von depperten lufträubern regiert wird? sind m. und ich stabil genug um einen großen umzug zu meistern? warum existieren ängste? glaube ich an gott? (mich umschauend) warum wird in diesem "meinem" wunderschönen wald soviel abgeholzt? oh ein fuchs!

die zweite möglichkeit umzukehren nehme ich bewußt nicht wahr. mein puls ist stabil, das knie macht keinen ärger. ich lausche dem herbst, es ist leicht windig, auf dem weg bilden blätter einen bunten teppich von vergänglichkeit, die bäume machen den eindruck zu flüstern, mein körper befindet sich in einem ebenen laufrad.

vor zwei wochen gab es einen todesfall in der familie, welcher mich gänzlich kalt läßt. ich hinterfrage ob ich tatsächlich ein eiskaltes monstrum bin, welches immer wieder auf diese gechichten mit gliechgültigkeit reagiert, das letzte mal habe ich eine familiäre beerdigung vor 14 jahren aufgesucht. meine gedanken kreisen wie ein karusel um dieses thema, ich erkläre es mir bloß damit, daß meine verwandschaft bis auf wenige ausnahmen nur aus selbstverliebten arschlochmenschen besteht. mental abwesend, aufgrund der vorgänge in meinem gehirn, verpasse ich ebenfalls die dritte möglichkeit kehrt zu machen.

ich befinde mich auf einem weg, den ich seit jahren nicht bestritten habe, sowohl als mensch, wie auch als läufer. kurz muß ich an forrest gump denken und grinsen "lauf forrest lauf!", als ich plötzlich durch ein lautes klingeln irritiert werde. ah! klar! ich befinde mich neben der sporthalle meiner alten schule! denke ich kurz..

meiner alten schule?!

ich bleibe stehen, blicke nach hinten. es steht fest, ich befinde mich exakt 17 kilometer von zuhause enfernt. nach wenigen sekunden des stillstandes vermeldet mein körper, sich nicht mehr im optimum zu befinden, ich weiß genau, diese strecke nicht zurücklaufen zu können...

ich stampfe durch unwegsames gelände, klettere wie früher über den zaun der schule und begebe mich zu der haltestelle, stelle unterwegs fest, daß die günstigere variante meiner sportklamotten von four seasons eher wenig taugt, da sie sich nicht sonderlich atmungsaktiv verhalten, ich schwitze quasi nach innen. immerhin haben sich die neuen laufschuhe von puma bewährt...

ich rufe ein taxi, setze mich auf die bordsteinkante, genau dann als es anfängt zu nieseln. mein kopf ist gedankenfrei, ich muß diese auf dem weg liegen gelassen haben, starre bloß dumm durch die gegend in der hoffnung ein ankommendes taxi erblicken zu können. dieses läßt zwanzig minuten auf sich warten...

ergebniss meiner sportlichen aktivitäten geben heute laute von sich - meine beine sind steif wie holzbalken, ich habe schnupfen, selbst das sitzen tut weh...

...aber immerhin, mein kopf ist leer...

...dumm gelaufen.

Kommentarstatus

"This is my church - this is where I heal my hurts...."

Veröffentlicht von: trillian | 25.10.2006

Es ist irgendwie unheimlich.
Ich habe diese Geschichte quasi geträumt. Von vorgestern auf gestern. Nur daß sie in der Nacht spielte, ich mit dem Rad fuhr und kein Taxi rufen konnte.

Mitten im Wald, und es war kalt. Sehr kalt. Brrrr.

Veröffentlicht von: dieJulia | 25.10.2006

Ich habe Sie mal verlesezeichnet. Sehr schön, was Sie so schreiben, das passt genau in den Kontext der Welt.
Lese gerne hier, wirklich.

Veröffentlicht von: eloran | 25.10.2006

17 Kilometer einfach so? Respekt! Sehr schön geschrieben.

Veröffentlicht von: Lenny_und_Karl | 26.10.2006

Ich fühle mich nach dieser Geschichte schmerzlichst daran erinnert das ich selbst seit längerer Zeit, in absolut keiner Weise, irgendwie sportlich aktiv war. Autsch! Muss was tun!
Heute noch! Sie sind mein großes Vorbild Ad! :)

Veröffentlicht von: Mone | 26.10.2006

trillian: sehr passend, danke dafür!

julia: das habe ich mal ähnlich erlebt, bloß zu fuß. betrunken habe ich mich nach einer weiter entfernten party auf den weg nach hause gemacht und mich im wald verirrt. dann kam noch ein schneesturm...

eloran: danke fürs kompliment. doch so unter uns, ist der con-textus nicht in wirklichkeit eine hure? ;-)

lenny_und_karl: danke. und es war selbstverständlich nicht einfach so. ich habe bloß wegen einer nervenentzündung sechs wochen nicht trainiert, sonst laufe ich mindestens vier tage in der woche je cirka zehn kilometer.

mone: werteste, glauben sie mir, es gibt bessere vorbilder die sie sich aussuchen können... ;-)

Veröffentlicht von: Ad | 26.10.2006

Toll geschrieben. Diese spezielle Stimmung, die einen bei dieser Art von Sport so erfassen kann -nicht muß-, das kenne ich auch (nur leider in letzter Zeit viel zu selten erlebt, da ekelhaft faul seit fast 2 Jahren, betrüge mich laufend selbst mit Büchern wie 10 Min. Training für Sportmuffel etc., die dann unter der Pizza-Schachtel neben dem TV liegen) Die Gefühls-Déjà Vu -Sache passierte mir auch schön öfters, noch cooler. Du hast mich hiermit offiziell motiviert, morgen früh wieder mal zu laufen/walken zu gehen, was ich halt so schaffe. Kneifen gilt nicht. Zwei schöne Parks warten vor der Haustüre. Ein Gärtner sagte mir gerade gestern, dass die Herbstfärbung dieses Jahr besonders intensiv sei. Recht hat er. Noch ein Grund, raus zu gehen.

Veröffentlicht von: Klappaltar | 26.10.2006

jajaja, beim joggen lauf ich auch und hinterlasse eine Spur an gedachten Gedanken wie bei Hänsel und Gretel aber nicht 17 km, so lang kann ich gar nicht denken.
Und das Stichwort Beeerdigung und Kälte animiert mich gleich loszujoggen nur das es schon zu dunkel ist.

Veröffentlicht von: joppi | 26.10.2006

klappaltar: freut mich, falls ich motivieren konnte. ich finde allerdings, daß die sache mit den sportlichen aktivitäten eben eine sache für sich ist. ich fände es falsch, wenn man sich dazu zwingen müßte.

ich tue es, weil ich es will und nicht weil es mir vorgeschrieben wurde sport treiben zu müßen. meinen ersten marathon habe ich mit 15 hinter mich gebracht und ich wurde von niemanden animiert, ganz im gegenteil, ich habe mit meiner mutter gestritten, weil sie angst hatte, wenn ich alleine im wald unterwegs war beim training.

jeder tickt anders, es gibt halt auch menschen, die lieber abhängen, ich wiederrum werde unaustehlich ohne bewegung und natur. es ist bloß schade, daß in den meisten fällen sport als eine lästige pflicht angesehen wird, weil man dieser tätigkeit eben auch sehr viel positives abgewinnen kann. man sieht das oft im fernsehen, wenn muffelige trampeltiere durch die gegend eiern und stänkern, weil der arzt irgendwas verordnet hat, an diät und bewegung bevor sie in ihrem eigenem badezimmer stranden und die dabei eine begeisterung von sich geben, als wenn sie gerade ausgepeitscht würden und in ihren augen sich bloß eine riesige tüte chips spiegelt.

ich sage in solchen fällen bloß - lass es bleiben, wenn du bereits den gedanken daran nicht magst, es wird eh nix bringen. ich hasse schlager und keiner kann mich dazu zwingen es zu hören...

joppi: bei meinem letzten marathon wurde ich vierter, bei über 300 teilnehmern und ich habe die beinahe 43 kilometer durchgedacht... ;-)

Veröffentlicht von: Ad | 27.10.2006

Erstsahnig.
Nicht, dass ich viel Sport mache - aber manchmal hat man eben das Bedürfnis dazu - auch Frau - und genau das Gefühl kenn ich. Nur sind es bei mir vielleicht achthundert Meter, bis ich nicht mehr kann. Mangelndes Training und fehlende Veranlagung.
Ist 'ne Überlebensstrategie.

Veröffentlicht von: Alex | 27.10.2006

Danke Ad (?) für die netten Worte. Hat eh nicht geklappt mit dem Joggen am nächsten Tag, da ich am Vorabend so ultimativ abgestürzt bin, dass am Morgen danach schon froh war noch mit allen Vitalfunktionen ausgestattet überhaupt aufzuwachen. Und deine neue Antwort bringt mich ganz schön in´s Grübeln. Vielleicht ist ja Tanzen (ob im schmuddeligen Club oder daheim vor der Stereoanlage *peinlich*) eine Alternative für Fälle wie mich.
LG Klappaltar

Veröffentlicht von: Klappaltar | 28.10.2006

Senden Sie einen Kommentar