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19.06.2006

(Un)Sozial

heute morgen, 07:50h. ich stehe vor einer verschlossenen glastüre und warte auf eine hoffentlich bald stattfindende öffnung ebendieser, da es mir langsam flau im magen wird, angesichts der mich umgebenden gestalten. lauter kleine problembezirk trinkhallenbesetzer mit verzerrten gesichtern, die ihre freizeithosen mit badelatschen kombinieren und dazu bunte einkaufsbeutel tragen. ein sehr unvorteilhaftes auftreten, auch noch vermischt mit dem geruch einer längst verstorbenen frikadelle, die in einem aschenbecher ihre ruhestätte fand.
diese gesamte bagage kennt sich auch noch untereinander, es wird viel und feucht gesprochen, auch nach dem wohlbefinden der gattin gefragt, selbsverständlich etwas anders formuliert, ich glaube etwas in der art wie "wat mäht die olle?" gehört zu haben.

natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, zu diesem treffen meinen teuersten armanianzug zu tragen, inklusive der teuersten armanikrawatte und den rahmengenähten maßschuhen aus hirschleder. ich passe nicht ins bild, doch die bande verhält sich ruhig, womöglich sind sie noch von der gestrigen letzten pulle fertig, oder bereits von der heutigen ersten, zudem bin ich cirka einen kopf größer als alle anwesenden, wogegen bei mir persönlich es da schon etwas anders um die pazifistische grundhaltung steht, ich bin ziemlich sicher ein paar von denen gleich abzustechen, wenn spätestens um punkt acht die türe nicht aufgeht, anschließend alle 60 sekunden einen weiteren.

sie merken es schon, ich habe mich bis zu meiner festanstellung im oktober, sozialstatttechnisch bezahlt beurlauben lassen und bin nun behördlich anerkannt arbeitslos. zu viele unbezahlte rechnungen, ich bin mehr mit meinem anwalt und mahnungen schreiben beschäftigt, als mit arbeiten...

später, mittagszeit. als die ganze prozedur endlich beendet ist und ich wieder zuhause bin, wechsele ich meine feinen klamotten gegen skaterschuhe, eine jeans und das legendäre "little vinnies tattoos" t-shirt und überlege wie ich denn mein verhalten ändern, oder anpassen soll.
ich hole mir sogar ratschläge, wobei der werte herr GP gleich den allerbesten, in seiner gewohnt eleganten ausdrucksweise vorträgt mit "kauf ma n paar ordentliche maurerhülsen und dann zack!-rin in de kopp! schön noch unten anpollern, oben auf - und shotgun."
tatsächlich verwirkliche ich das auch, gehe zum plus um die ecke und kaufe einen kasten bier. daheim bin ich sehr belustigt über klischeehafte ideen, die mir durch die arbeitslosigkeit kommen und der dazugehörigen freizeitgestalltung. bin trotzdem leicht verunsichert. nehme ich jetzt ein paar pullen und gehe draußen irgendwo hin und suche mir eine sitzbank um die dort zu leeren? oder jage ich mir die kiste in den kopf, gehe anschließend um 17:00h in eine kneipe und suche freunde unter den tresenhockern, die dort tag für tag, mit sehr beschränkter vokabularauswahl, politische themen disskutieren? fernsehen gucken und onanieren?

noch während mir der ganze unsinn durch den kopf geht und ich belustigt grinsen muß, werde ich sehr schnell wieder in die weniger lustige realität zurückgeholt. m. ruft leicht verheult an. letzten freitag haben wir uns leicht gewundert, warum sie noch kein gehalt bekommen hat, erklärten uns das aber mit dem feiertag, der am 15ten war. doch heute morgen fand sie ein schreiben in ihrem büro, in dem erklärt wird, daß keine gehälter gezahlt werden können und man auch nicht wüßte ob überhaupt und wann. als wenn das nicht schockierend genug wäre, wurde sie dann zwei stunden später aufgefordert augenblicklich eine inventur zu beginnen...

der kasten bier ist immer noch jungfräulich, ich habe dann gleich mal den eiskalten vodka genommen. wissen sie, ich glaube das geht wirklich hand in hand und ist so vorprogrammiert. kaum bin ich ein paar stunden arbeitslos, schon sitze ich hier halbbesoffen rum und schimpfe über die wirtschaft. immerhin weiß ich jetzt, wo ich vielleicht neue freunde finden kann...

18:00 Veröffentlicht in Untergang und Rettung | Permalink | Kommentarstatus (12) | Per Email verschicken

Kommentarstatus

Lieber Herr Ad,
ich hoffe dass dies nicht eine recht einfältige Meinung über Arbeitslose im Allgemeinen und Speziellen war, die Klischees die Sie hier beschrieben haben ließ mich doch etwas zusammenzucken. Viel mehr gehe ich davon aus dass hier Ironie anzutreffen war.
Das derzeitige Schicksal von m. erinnert mich an das eines Verwandten aber hoffe dass m. von etwaiger Steigerung dieser kurzzeitigen Misere verschont bleibt.

Veröffentlicht von: Anja | 19.06.2006

liebe frau anja,
es war meine volle absicht leser zusammenzucken zu lassen. vorallem diese, die sich wenig gedanken machen beim lesen. ihnen ist das schon aufgefallen, das der ganze text davon handelt, daß ich nun auch zu den "arbeitslosen" gehöre? zudem haben sie ganz klar das wort "unsinn" überlesen, welches die vorher und nachher gedachten "klischees" betont.

sarkasmus kann viel spaß machen, solange man diesen nicht erklären muß...

Veröffentlicht von: Ad | 19.06.2006

arbeitslose im allgemeinen? Das große ganze? Feingeistige politikbetrachtungen? Hömma! Ad hat auf wunderbar pointierte weise die im dortigen arbeitsamt um die damalige uhrzeit vorhandene mischpoke geschrieben. Soll er die typen schönreden, nur weil sie arbeitslos sind?

Veröffentlicht von: german psycho | 19.06.2006

Arbeitslos und Spaß dabei... Vor nem Jahr war ich mal für 8Tage arbeitslos und hab sie genossen...

Ich drücke m. die Daumen. Aber von dem, was ich hier bisher über ihren Arbeitgeber vernommen habe, sieht das alles nicht wirklich rosig aus.
Insolvenzausfallgeld wird übrigens für maximal drei Monate rückwirkend bezahlt.

Veröffentlicht von: trillian | 20.06.2006

sorry für m. und die scheiß situation in der sie steckt!
wenn mir soetwas gerade jetzt im moment passieren würde wüste ich mir keinen rat, der dispo ausgereizt, mahnungen füllen den briefkasten und der tank auch schon fast wieder leer... zum glück zahlt mein arbeitgeber (bis jetzt) pünktlich, wer weiss wie lang noch... alles liebe

Veröffentlicht von: Mone | 20.06.2006

Sorry dass ich die Pointe versaut habe, da musste ich aber auf jeden Fall sicher gehen dass das auch so gemeint war, ich kenne Sie und ihre Texte noch nicht so gut als dass ich jedes Wort auf Anhieb richtig deuten kann, aber was nicht ist kann noch werden.

Veröffentlicht von: Anja | 20.06.2006

anja: keine sorge, die pointe werden sie mit einem kommentar kaum versauen können. aber da sie meine texte und meine art noch nicht kennen - eigenen angaben nach - hoffe ich doch sehr, das sie beim näheren hinsehen, nicht ständig nachfragen werden wie etwas gemeint ist, denn hier gibt es weitaus schlimmeres zu lesen, als nur eine grobianische beschreibung von ein paar arbeitslosen asozialen. abgetrennte körperteile, massenmord, apokalypse - gut sortiert. ;-)

Veröffentlicht von: Ad | 21.06.2006

Oha. Müssen Sie mit der Axt also noch bei Ms Chef vorbei? Nun, Zielwasser haben Sie ja schon reichlich genossen, außerdem verhindert es ja auch Wundinfektionen, sollte man mal bei einem Schlag abrutschen und sich selbst treffen...

Lesen wir dann demnächst weitere Geschichten von kleinen Unfällen in der Arbeitsagentur? Die Steilvorlagen liefern die Mitarbeiter ja meist selbst. Und auf dem Weg nach draußen dann noch die Kioskklientel dezimiert...

Veröffentlicht von: pathologe | 21.06.2006

Gehen Sie nicht gemeinsam nach HH? Dann könnte M. sich auch gleich umsehen, denn ich fürchte Sie müssen deren Chefs noch mit einer Pumpgun behandeln. Danach wohnt es sich woanders sowieso deutlich entspannter....

Veröffentlicht von: Michael | 21.06.2006

herr pathologe, ich bitte sie, die opfer heißen trinkhallenbesetzer! ;-)

michael: es ist eine sache, zusammen nach hh zu ziehen und eine andere augenblicklich kein geld für m.s miete zu haben. wobei das umziehen hierhin zu mir kein ratschlag ist, wegen den drei monaten kündigungsfrist...

Veröffentlicht von: Ad | 21.06.2006

Hm, sehr ungut. Vielleicht die Nieren von M.s Mitarbeiter/innen verkaufen? Natürlich nur nachdem diese sachgemäß, bei noch intaktem Blutkreislauf, entfernt wurden.
Oder sie schreiben schleunigst ein Handbuch zum perfekten Morden. Ich nehme an, das verkauft sich gut und ganz nebenbei füllt es die Haushaltskasse und berühmt werden sie auch noch, dann klappt ggf. auch mit den Warenproben von führenden Waffenherstellern.

Veröffentlicht von: Die_Heldin | 22.06.2006

wenn´s net so lustig geschrieben wäre, wäre es fast schon traurig. ich drücke ganz ganz fest die daumen, dass sie mit der gesellschaft dieser gestalten nicht noch öfter den tag beginnen müssen. ich hatte nämlich auch mal das zweifelhafte vergnügen und kann auf wiederholungen getrost verzichten.

Veröffentlicht von: smartlady | 22.06.2006

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