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28.05.2006

Zwischenmenschliche Beziehung ohne Sympathie

gestern war es wiedermal so weit, wir wurden zum essen eingeladen bei einem bekannten pärchen und mußten diesmal auch wirklich hin, weil uns längst die ausreden ausgegangen sind. nach fünf mal "krank" sein, drei mal "todesfall in der familie" und einmal "wir sind gerade in portugal!", glaubt es irgendwann niemand mehr. klar, das macht man nicht, spricht die moral und schaut griemig dabei. und es ist leider so, daß man menschen nicht unbedingt gleich vor den kopf stoßen möchte, mit ansagen wie "ich finde euch zum schreien scheiße und könnte kotzen wenn ich nur an einen besuch bei euch denke!", nein, das gehört sich nicht. man versucht geschäftigkeit vorzutäuschen, in dem man sich nie meldet und bei einem gegenaruf dinge wie "ich bin gerade auf dem sprung, mache es kurz" sagt, während man gerade in wirklichkeit tetris spielt und vor lauter langeweile gähnen muß.

ich habe auch leider bis heute kein konzept erdacht, wie man diesen parasitoiden bekanntschaften vorbeugen könnte. man müßte theoretisch gleich beim kennenlernen das potantial der personifizierten monotonie röntgenartig erkennen und gleich bei den vorstellungsworten des gegenübers "hallo, ich bin soundso" sich die ohren zuhalten und laut "lalalalalalalala" machen. soweit die theorie, in der praxis allerings verhält man sich so, wie einem die manieren es vorschreiben. man betreibt einen standardisierten und schlampigen phonetischen akt, trifft sich noch auf anderen partys hier und da ein paar mal und plötzlich ist man "bekanntenkreis". und aus diesem kommt man ohne drastische maßnahmen nicht mehr so einfach raus...
die spieleabendzombies haben einen gleich mit freiwilligen zwang eingemottet und bedrohen einen mit blutigen direktiva wie "bittebittebitte!" oder "ihr müßt auf ein käffchen kommen!".
bevor man sich versieht, steckt man bis zum ansatz in ehrenamtlichen projekten dieser auf gruppendynamik bedachten sekte, spendet geldbeträge für irgendwelche geburtstage, bekommt "lustige" powerpoint dateien zugeschickt und muß unerträgliche mistfilme im kino sehen.

bevor sie mich jetzt aber für einen hasserfüllten menschenfeind, mit einer ausgeprägten neuropathologischen persönlichkeitsstörung halten, betone ich den für mich riesigen unterschied zwischen "bekanntenkreis" und "freundeskreis".
ich habe nichts gegen gemeinsame unternehmungen, treffen oder sonstiges, es kommt eben nur darauf an, mit wem.
es existieren durchaus menschen, mit denen ich gerne bis begeistert bekannt bin, weil sie interessante bis faszinierende persönlichkeiten sind. nur sind die meist weit weg.
bei einer langen nächtlichen diskussion gestern mit m., stellten wir fest, daß wir hier in der gegend, bis auf zwei ausnahmen, in einem tümpel menschlicher persönlichkeitsversager baden.
lauter lebensplan-b personen, mit so illustren hobbys wie ikeaspaziergänge und teesorten mischen und der fest verwurzelten einbildung glücklich zu sein. nichts dagegen, jeder sollte sich damit beschäftigen und das glauben, wonach ihm ist, nur sind solche hauspantoffelhelden exakt der menschenschlag, den wir so überhauptnicht verkörpern. umso erstaunlicher ist es eben für mich, warum diese menschen nun ausgerechnet unsere nähe suchen. vielleicht weil wir "exotisch" sind und sie sich selbst vor die augen führen wollen, daß man eben auch ohne "schatzimausi", tütensuppe, wohnzimmerschrankkombination und "wetten dass..." zu zweit den alltag durchaus angenehm gestallten kann? vielleicht will ich es aber auch garnicht wissen...

nach unserer ankunft und bei einer führung durch die neue wohnung, bekomme ich starke probleme mit der seit jahren tief in meinem kopf verwurzelten farbenlehre, die einen spontanen schock bekommt und anschließend wimmernd mit sofortigem suizid droht. in einer kooperation mit meinen geschlossenen augen, ziehen wir den stecker und stellen vorsichtshalber die wahrnehmung und das ästhetikbewußstein für diesen abend ab. sicher ist sicher, ich persönlich befinde mich mental an der kriegsfront bei menschen, die merkwürdige knallrote sitzwürfel, mit antiken möbeln, delphin-postern an grünen wänden und diddl-mäusen kombinieren. alleine die letztgenannten stoffviecher sind grund genug für mich, ein menschliches wesen zu verachten und seine gesundheit in frage zu stellen...

als diskutant laufe ich im energiesparmodus, gebe ab und zu ein fiktiv interessiertes "ühm", "aha" oder "jaja" von mir, höre in wirklichkeit aber garnicht wirklich zu, habe das gefühl den gastgebern würden bloß luftblässchen aus den mündern fallen, finde den gedanken belustigend und muß grinsen, stelle sie mir beide als fische vor, während ich viel lieber unter dem tisch an m.s oberschenkel rumspiele, was sie kiechern läßt, ausgerechnet an der stelle, als der gastgeber von dem plötzlichen ableben seines geliebten hundes erzählt, wobei ihrem kiechern mein lautes lachen folgt. naja, wenn ich gleichzeitig gelangweilt und geil bin, kann ich kaum dazu auch noch taktvoll sein, das wäre zuviel auf einmal...

das besagte essen ist typische deutsche küche im jahre 2006 - sushi. nichts gegen sushi, ich mag das sehr gerne, allerdings bereits seit vielen jahren, als sushi noch "ihhh, roher fisch!" hieß. nun ist es "in" und damit auch automatisch lecker. und an dieser stelle muß ich als kontrast mal kurz loswerden, daß die gastgeberin es perfekt hinbekommen hat, bevor sie denken, ich könnte bloß negative bröckchen auf die tastatur kotzen. beim wein dagegen, ist wieder genau das gegenteil der fall. wer mir einen relativ guten weißwein anbietet, der zimmertemperatur hat, ist entweder ein böswilliges arschloch, oder komplett verblödet. oder beides. womöglich trinken sie eiskalten rotwein...

der rest dieses besuches ist eigentlich keinen satz buchstaben wert. ein "urdeutsches" tiramisu, welches ich noch nie mochte, das aber im "bekanntenkreis" standard ist (alleine zu m.s letzten geburtstag brachten fünf personen dieses dessert in verschiedenen qualitätsstufen mit, der gesamte rest übrigens nudelsalat...), es wird gesprochen und nichts gesagt, was ich auch immer wieder mit "ühm", "aha" und "jaja" kommentiere, gegen 23:00h spielen wir blitzartige müdigkeit vor und verabschieden uns mit den worten "das nächste mal bei uns!", in der hoffnung diese banausen bis september nicht nochmal zufällig zu treffen, um später dann von hamburg aus alle mobilnummern zu ändern und sonst nur noch mit einer geheimen festnetznummer zu arbeiten.

auf der rückfahrt sind wir uns einig, menschen sind auch nur lebewesen und manche muß man sich eben vom leibe halten. genau wie zecken und bremsen...

20:30 Veröffentlicht in Alltag , Kopflastig , Untergang und Rettung | Permalink | Kommentarstatus (13) | Per Email verschicken

Kommentarstatus

*hihi* nett geschrieben.
Ich mag dieses böse Mundwerk!!
Und ein wenig haben wir gemeinsam.
Allerdings fand ich den Post schon a bissi zu lang. Aber nun gut - jeder wie es ihm gefällt.
Es ist ja ihr Blog ;o)

Veröffentlicht von: Smartlady | 28.05.2006

als erstes: danke! als zweites: jeder text benötigt soviel platz, wie er es eben braucht. als drittes: wenn das hier schon so viel ist, wie reagieren sie dann bitte auf ein ganzes buch? panisch?

Veröffentlicht von: Ad | 28.05.2006

Sehr kraftvoll reingehauen, genau da, wo es weh tut. Man kann sich das Personal lebhaft vorstellen, auch wenn ich selbst nie auf die Idee komme, Leute zu besuchen, die mir nicht zusagen (erfreulicherweise werde ich von solchen aber auch nie eingeladen). Und die Debatten von wegen »zu lang, der Text«, die waren schon immer müßig, das seh ich genau wie Sie. Dauert halt manchmal etwas länger, bis man zum Lesen kommt, das ist auch schon alles.

Veröffentlicht von: poodle | 29.05.2006

Menschen jenseits der Pubertät, die sich freiwillig mit Diddl umgeben, entheben sich selbst jeglicher Chance ernst genommen zu werden.

In den letzten Jahren habe ich mehrfach Handynummern von netten jungen Männern gelöscht, die meinten mir mit einer Diddl-Figur als Geschenk eine Freude machen zu können. Sie haben einfach nicht verstanden.

Veröffentlicht von: trillian | 29.05.2006

als mensch hat man ja eine gewisse toleranzgrenze, bei ungekühlten weisswein wäre meine überschritten!

Veröffentlicht von: Mone | 29.05.2006

Wow, ihr Bekanntenkreis klingt nach openWC, irgendwie. Alle sind so interessant und wichtig, dass sie sich unbedingt mitteilen müssen.
Man kann natürlich das harte Programm fahren bei einem solchen Besuch. Fragen, ob sie nur Fisch im Angebot haben und wo der nächste Burgerking/McDonalds ist. Und ob sie zum Essen kein Bier hätten. Ist zwar kulinarischer Masochismus, hinterlässt aber so ein "Was haben wir uns da denn eingeladen"-Gefühl bei den Gastgebern. Meistens. Um sicher zu sein empfiehlt es sich, noch ein paar passende Bemerkungen über die Einrichtung zu machen. "Hübsch hässlich habt ihr es hier. Alles vom Sperrmüll?" wäre da die Endfrage. Manchmal muss es einfach direkt sein.

Veröffentlicht von: pathologe | 29.05.2006

Das Wort "Spieleabend" ruft bei mir augenblicklichen Brechreiz hervor. Ich kann sie gut verstehen. Glücklicherweise habe ich die meisten dieser Zeitparasiten abgeschüttelt, aber alle wird man wohl nie los.

Veröffentlicht von: Michael | 29.05.2006

eben, mein lieber herr poodle, für kurze einträge wie "heute war alles happyhappy hab euch alle lieb" braucht man kein blog, das kann man sich auch aufs toilettenpapier schmieren...

trillian: seien sie froh nichts mit solchen deppen angefangen zu haben! ich bin stolz auf sie!

mone: hammer, oder? und das bei menschen die sushi vernünftig zubereiten können... das ist wie coca-cola zum hummer.

mein werter herr pathologe, ich erzähle ihnen mal was über mich, was menschen die mich kennen und die hier lesen, sicher bestätigen können. ich schreie hier in diesem blog nicht meinen versteckten zorn heraus, ich bin in echt auch so. eine dumme sau, die sich verbal nicht zurückhalten kann, ganz gleich wo und vor wem. und da kommen wir auch schon zum traurigen teil dieses dilemma. ihre vorschläge sind sicher gut gemeint, doch ich wende diese bereits seit jahren täglich an und wissen sie was passiert, wenn ich meinem, mit viel kritik angereicherten, sarkasmus freien lauf lasse? anstatt ausgeladen zu werden, werde ich bloß beliebter, weil ich ja so "witzig" bin...
traurig, oder?

michael: parasiten eben, die wird man nie 100%-tig los...

Veröffentlicht von: Ad | 29.05.2006

hahaaha... ich lieg fast unterm tisch, sehr gut. vor allem der 5. absatz. widerlich solche leute.
Solche Leute wieder loszuwerden ist echt schwer, vor allem wenn sie irgendwelche bekannten von freunden sind etc., die man nicht vor den kopf stoßen will.

nebenbei haben sich mit inspiriert zu was anderem herr ad, einfach klasse. ;)

Veröffentlicht von: medienjunkie | 30.05.2006

es freut mich, wenn es sie erfreut hat, lieber herr junky! nur die sache mit der inspiration beunruhigt mich ein wenig...
sind sie etwa mit einer axt bei bekannten?

Veröffentlicht von: Ad | 31.05.2006

hihi, nee bezieht sich eher auf ne idee. aber die axt steht ohnehin immer im flur. warum bekomme ich nur nie besuch?

Veröffentlicht von: medienjunkie | 31.05.2006

stellen sie die axt ins schlafzimmer.

Veröffentlicht von: Ad | 31.05.2006

Ich habe Abkommen mit meinen Söhnen und meinen Freunden, mit Handschlag besiegelt.

1.) Wir lügen uns nicht an (was nicht heißt, daß wir uns alles erzählen)

2.) Wir machen nur das, wozu wir gerade Lust haben (schockiert manchmal etwas, aber erspart Punkt 1 und solche Probleme)

Solltest du nach Hamburg kommen, werde ich dir das als erstes vorschlagen.

Veröffentlicht von: Hptl-Schmutzige Feder | 01.06.2006

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